Pfarrer Ravinder Salooja predigt zu 2. Mose 3, 2-10
Dear Brothers and Sisters – liebe Gemeinde,
der Exodus, der Auszug Israels aus Ägypten, beginnt nicht am Schilfmeer. Nicht mit den großen Bildern von Wasser und Aufbruch. Nicht mit Triumph. Er beginnt viel früher: Mitten in der Wüste. Bei einem Menschen, der eigentlich nur seine Herde hütet. Und bei einem Gott, der sagt:
„Ich habe das Elend meines Volkes gesehen. Ich habe ihr Geschrei gehört. Ich kenne ihre Leiden.“
God begins the Exodus of his people Israel not with power, not with command, not with distance.
But with attention. The first movement of liberation is that: suffering is no longer ignored.
The cry is heard. The invisible become visible.
Vielleicht ist das bis heute das Erschütternde dieses Textes: Dass Gott nicht sagt:
„Ich habe die Situation analysiert.“
Nicht: „Ich habe eine Lösung vorbereitet.“
Sondern: „Ich habe gesehen.“ - „Ich habe gehört.“ - „Ich kenne.“
The verbs used are deeply relational:
„I have seen“ – „I have heard“ – „I know“.
God does not observe suffering from above.
God moves toward it.
The burning bush itself almost becomes a sign of this: fragile, vulnerable, burning — but not destroyed.
Kein mächtiger Baum. Kein heiliger Tempel. Ein Dornbusch. Etwas Unscheinbares. Verletzliches. Und doch brennt dort Gottes Gegenwart.
Vielleicht haben Dalit-Theolog:innen gerade deshalb den Exodus immer wieder als ihre Geschichte gelesen: Weil dieser Gott nicht zuerst bei den Mächtigen erscheint. Sondern bei denen, deren Würde bestritten wird.
Many Dalit theologians have read Exodus as their story, because here God does appear with the powerful. But rather among those, whose dignity is contested. And maybe this is the first step into LIFE: Liberation begins when people are no longer defined by the place society assigned to them.
Im Kastensystem werden Menschen über Generationen eingeordnet, bewertet, begrenzt. Identität wird zugeschrieben: „Du gehörst dorthin.“ „Das hier ist nicht dein Platz!“ „Du bist weniger wert.“ „Dein Leben zählt weniger.“
Am Dornbusch aber sagt Gott etwas anderes: „Mein Volk.“
Not “a forgotten people.”
Not “a lower group.”
Not “a problem to be managed.”
But: “My people.”
This is more than comfort. This is a renewed affirmation of identity.
Mehr als Trost sind diese Worte Zuspruch von neuer Identität. Und vielleicht gehört genau das zum zweiten Schritt von LIFE: Identity. Identität. Nicht die Identität, die andere Menschen festlegen. Sondern die Würde, die niemand nehmen kann.
The Exodus is therefore not only about escape. It is about becoming a people again. A people able to stand upright.
Und der Satz, der dann folgt, ist ebenso erstaunlich:
„Ich bin herabgekommen, um sie zu befreien.“
Gott bleibt nicht neutral.
Gott sagt nicht: „Ich verstehe beide Seiten.“
Nein. Gott nennt Unterdrückung Unterdrückung.
This is why Exodus has always been dangerous.Because it refuses to spiritualize suffering.
The text speaks about forced labor, violence, humiliation, exhausted bodies, crushed lives.
It names oppression as what it is: oppression.
Als Drittes: Der Text bleibt nicht bei der Klage stehen. Denn Gott sagt nicht nur: „Ich führe heraus.“ Sondern er geht darüber hinaus und sagt: „… in ein gutes und weites Land.“
Das Ziel ist nicht bloß das Ende der Knechtschaft. Das Ziel ist Leben. Leben in Fülle. Fullness.
The goal of Gods action is not merely ending of bondage.
Not merely survival.
Not merely less suffering.
But room to breathe.
Room to grow.
Room for dignity, community, future. – That is: Life in Fullness.
Vielleicht ist das wichtig, auch für unsere Partnerschaft heute. Dass Unterstützung nicht nur heißt: Schlimmes lindern. Sondern: Räume eröffnen. Bildung ermöglichen. Menschen stärken. Zukunft öffnen.
Most important for 40 years of partnership of Randi with CARDS is that it means not merely alleviating suffering, but rather: Opening up spaces. Enabling education. Empowering people. Opening up the future.
And here now comes the final surprise of the text:
God says: “I have come down.”
But immediately afterwards God says to Moses:
“So now, go. I am sending you.”
Lord God who liberates, acts through human beings!
Der Gott, der befreit, handelt durch Menschen!
Mose wird nicht zum Helden gemacht. Er bleibt zögerlich, unsicher, verletzlich. Und trotzdem wird er hineingerufen in Gottes Bewegung.
Für mich ist das der vierte Schritt von LIFE: Ermächtigung.
Empowerment, to me, is the fourth step of LIFE.
Not domination. Not power over others.
But the strength to stand up, to speak, to act, to shape the future together.
Liberation does not happen paternalistically. But rather by people finding their own voice. Their own dignity. Their own agency.
Das haben Dalit-Theologien immer wieder betont: Befreiung geschieht nicht paternalistisch. Nicht dadurch, dass andere Menschen „für“ die Unterdrückten handeln. Sondern dadurch, dass Menschen ihre eigene Stimme finden. Ihre eigene Würde. Ihre eigene Handlungskraft.
So, today this may be the question for another 40 years of partnerschip: What kind of partnership do we build? One that creates dependency? Or one that makes LIFE more possible?
LIFE –
Liberation.
Identity.
Fullness.
Empowerment.
LIFE –
Leben.
Identität.
Fülle.
Ermächtigung.
Nach 40 Jahren Partnerschaft, vor 40 weiteren Jahren Partnerschaft ist das vielleicht die Frage, vor der wir immer wieder aufs Neue stehen: Was für eine Partnerschaft leben wir?
Eine, die Abhängigkeit vergrößert? Oder eine, die Leben ermöglicht?
Vielleicht beginnt all das erstaunlich klein. Wie am Dornbusch: Nicht triumphal. Nicht spektakulär.
Sondern dort, wo jemand zuhört.
Wo jemand nicht wegschaut.
Wo Würde wieder ausgesprochen wird.
In dem Moment, in dem der Schrei gehört wird.
Perhaps it begins, where people discover that God is already present in places the world considers unholy.
It begins, where someone listens.
Where someone does not look away.
Where dignity is once again affirmed.
In the moment when the cry is heard.
That is where the Exodus begins. Where liberation turns on to the way of identity, fullness and empowerment.
Amen.







